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Impressionen

Impressionen Willem C. Vis Moot


 Filmbeitrag

 

 


Erfahrungsbericht
 

4 Jurastudenten aus Heidelberg, Veranstaltungen in der ganzen Welt, 300 Teams aus aller Welt, 1 unvergessliches Semester. Das war für uns der 22nd Willem C. Vis International Commercial Arbitration Moot.



Die Vorbereitung

Ganz gespannt las jeder Einzelne von uns die bis dahin unbekannten Namen, mit denen man das kommende halbe Jahr verbringen sollte. Das traditionelle erste Vis Moot-Treffen im schönen Heidelberger Sommer sollte das Geheimnis um die zukünftigen Mitstreiter jedoch noch nicht vollständig lüften. Denn jeder von uns musste noch das Soll der vorlesungsfreien Zeit – Praktika, Reisen und soziale Verpflichtungen – erfüllen, bevor wir im September erstmals in voller Teamstärke zusammenkamen.

Bereits beim ersten Treffen deutete sich an, was unser Team auszeichnen sollte: So unterschiedlich wir doch sind, so gut ergänzen wir uns. Dies sollte uns zusammenschweißen und eine einmalige Zeit bescheren.

Workshops mit unseren Coaches und Alumni, Vorbereitungsseminare in Frankfurt sowie einschlägige Literatur zur Schiedsgerichtsbarkeit, zum UN-Kaufrecht und zum Legal English dienten uns als Vorbereitung auf die Herausforderungen, die uns im nächsten halben Jahr erwarten sollten.

Die Schriftsätze



Donnerstag, 2. Oktober 2014. An diesem Tag wurde die Fallakte zum 22. Willem C. Vis International Commercial Arbitration Moot veröffentlicht. 70 Seiten, die uns die nächsten Monate Arbeit, Kopfzerbrechen, aber auch allerlei Glücksgefühle bereiten sollten. Die Vorfreude auf die anstehende Zeit stieg mit der Lektüre: Um den Handel mit seltenen Erden sollte es gehen, um Rücktrittsfragen in hochvolatilen Märkten, um die Wirksamkeit sogenannter Emergency Orders, um Drittwiderklagen gegen eigentlich externe Mutterkonzerne. Bis Mitte Dezember sollten wir den Klägerschriftsatz verfassen und unseren Mandanten auf starken wie schwachen Positionen vertreten.

Bei dieser anspruchsvollen Aufgabe standen uns unsere Coaches und viele weitere Institutsmitarbeiter mit Freude und Einsatz zur Seite. Das Ergebnis vieler Stunden hitzigen Diskurses über Argumente, Aufbau, Sprache und Stil waren Schriftsatzentwürfe, die unsere Betreuer, Institutsmitarbeiter und Anwälte gegenlasen und zur Reprise des Ganzen mit Kritik, Verbesserungsvorschlägen und neuen Ideen zurücksandten. Auf diese Weise wurden wir Zeuge eines immer besser werdenden Gesamtwerkes, das uns auch viel über uns selbst und Teamarbeit lernen ließ.

Eine wichtige Frage, die uns als Teilnehmer eines sehr arbeitsintensiven Moot Courts wie dem Vis Moot von unseren Kommilitonen oft gestellt wurde, war, wie sich das normale Studium daneben vereinbaren ließ. Schnell bemerkten wir, dass der regelmäßige Besuch der Vorlesungen neben dem Moot Court nur schwierig möglich war und daher entschieden wir uns, nur die Übungsstunden bis zur ersten Klausur zu besuchen und danach auf alle weiteren Vorlesungen zu verzichten. Diesen Entschluss haben wir auch nie bereut, da dies die einzige Möglichkeit war, sich voll und ganz auf den Moot zu konzentrieren. Schließlich bestanden wir trotz knapp bemessener Vorbereitungszeit in der Schriftsatzphase alle unsere Scheine und konnten uns wieder ganz der Arbeit im Moot-Raum widmen, ohne in dem Sinne ein Semester „verloren“ zu haben.
Wer sich darüber hinaus um den „verpassten“ Stoff sorgt, dem sei versprochen, dass der Rucksack neu erlernter juristischer Fähigkeiten beim Nachholen etwaig verpassten Stoffes hilft. Insbesondere erlernt man beim Moot methodische Fähigkeiten im Umgang mit unbekannten Rechtsproblemen, wodurch das juristische Denken nachhaltig geschult wird.

Am Ende eines intensiven Arbeitseinsatzes, fokussierten Endspurts und nervenaufreibender letzter Stunden reichten wir pünktlich zum 11. Dezember unser 60-seitiges Dokument ein. Stolz und erschöpft stießen wir danach auf die Abgabe an und gönnten uns eine wohlverdiente Auszeit, bis wir eine Woche später den Klägerschriftsatz der Arizona Summit Law School aus den USA empfingen. Nun war ein Umdenken gefragt. Knapp ein Monat blieb uns, um in der völlig konträren Position des Beklagtenvertreters auf das Schreiben aus dem fernen Arizona zu antworten. Mit der Fallakte waren wir mittlerweile natürlich bestens vertraut. Dennoch stießen wir stets auf neue Details und mögliche Betrachtungsweisen der Fakten, aus denen Argumente für den Beklagten entstanden. Zudem stieg der Erkenntnisgewinn der rechtlichen Lage stetig, sodass die Freude an der Arbeit keinesfalls versiegte. Auch wenn wir auf mittlerweile eingespielte Arbeitsprozesse zurückgreifen konnten, sorgte die neuerliche Abgabe Mitte Januar für intensive Arbeitstage, die – vor und nach verdienter Weihnachtspause – nochmal vollen Einsatz verlangten. Am 22. Januar 2015 war es so weit. Mit der Abgabe des zweiten Schriftsatzes war die Schriftsatzphase bereits Vergangenheit.

Die mündliche Phase



Nachdem wir die ersten Monate größtenteils in den Räumlichkeiten des Instituts zugebracht hatten, begann nun die Vorbereitung, um auch bei den Verhandlungen glänzen zu können. Das, was wir zuvor minutiös vorbereitet hatten, sollten wir nun dem Tribunal in möglichst eingängiger und unterhaltsamer Weise vermitteln. Und feststellen, dass die Verhandlungen am Ende doch ganz anders verlaufen sollten als geplant.

Auch für diese Aufgabe erhielten wir ein umfassendes Coaching. Von der ersten Woche an bereiteten wir uns bei täglichen Test-Runden auf unsere ersten Kanzlei-Termine vor. Was am Anfang für alle noch sehr schwer war, wurde mit der Zeit immer besser. Wie auch bei den Finalrunden in Wien, wurde jeder Mandant von zwei Speakern vertreten. Dabei wurde je eine Viertelstunde dem prozessualen Teil und dem CISG gewidmet. Trotz aller Vorbereitung waren wir alle höchst nervös, als es zu unserem ersten Termin bei einer Frankfurter Kanzlei ging. Die Nervosität wurde auch nicht geringer als wir bei wolkenverhangenem Himmel einen Konferenzraum im 25. Stock mit Blick auf die Skyline der Bankenmetropole betraten. Allerdings waren alle Anwälte, wie bei den darauf folgenden Terminen, sehr nett und halfen uns so gut es ging. Während unserer Termine in Frankfurts Großkanzleien konnten wir aber nicht nur in unseren Verhandlungen mit den Anwälten diskutieren, sondern bekamen auch Einblicke in die tägliche Kanzleiarbeit. Dafür wurden stets nette (und oft auch kulinarisch interessante) Get-Togethers organisiert.

Ein ganz besonderes Highlight waren jedoch die Pre-Moots. Pre-Moots sind internationale Konferenzen, bei denen neben Fachvorträgen vor allem die Möglichkeit besteht, den Fall gegen Universitäten aus aller Welt zu verhandeln.

Wir entschieden uns zur Vorbereitung auf die Finalrunden in Wien nach Tiflis, New York City, London und Paris zu reisen. Die Tagesprogramme aller dieser Pre-Moots sind einen Bericht für sich wert; aus Platzgründen soll und kann der Fokus an dieser Stelle der Fokus auf einige herausstechende Ereignisse:

Zunächst ging es nach Georgien, in die Hauptstadt Tiflis. Wir alle waren bereits gespannt auf unseren ersten Pre-Moot, bei dem wir endlich auch Teams aus anderen Ländern kennenlernen würden. Neben den Verhandlungen gegen die Teams der heimischen Universitäten am Vor- und Nachmittag offenbarten uns unsere Gastgeber die kulinarischen Spezialitäten und Kultur des Landes. Es dauerte nicht lange, da spürten wir den „Moot-Spirit“ zum ersten, aber zweifellos nicht zum letzten Mal.

Nahezu ohne Unterbrechung ging es weiter in die Stadt, die niemals schläft. Für die Zeit in New York City hatten wir ein gemütliches Apartment in Brooklyn ausgesucht, das uns als Rückzugsort diente. Denn unser Programm hatte es in sich: Wir nahmen an zahlreichen Pre-Moots der einschlägigen amerikanischen Top-Universitäten teil, und wir sollten vor einer Auswahl renommierter Schiedsrichter bei weltweit absolut führenden Kanzleien unseren Fall verhandeln. Ein besonderes Highlight war unser Ausflug an die Harvard Law School. Auch dort verhandelten wir den Fall und das Team aus Harvard gewährte uns einen Einblick in das Studentenleben an ihrer berühmten Universität.

Die großartigen Erfahrungen der letzten Wochen verdrängten Gedanken an die Anstrengung der vielen Reisen, und so fokussierten wir uns auf den Endspurt unserer Vorbereitung für die Finalrunden in Wien. Im – Überraschung – verregneten London nahmen wir am Pre-Moot der London School of Economics teil.

Kaum nach Heidelberg zurückgekehrt, erwartete uns das nächste Highlight: der hauseigene Pre-Moot. Mit den der Universitäten São Paulo, Montpellier, Auckland und Montevideo sowie erstmalig dem Team der Universität Riga hatten wir Besuch aus aller Welt, mit dem wir öffentliche Probeverhandlungen im juristischen Seminar abhielten. Wir konnten weiter an unseren Verhandlungsfähigkeiten feilen, und Interessenten konnten wir den Moot zugleich live näher bringen. Als Schiedsrichter konnten wir Professoren, Institutsmitarbeiter, Anwälte und Alumni begeistern.



Unsere letzte Reise führte uns schließlich nach Paris zum Pre-Moot der ICC – der internationalen Handelskammer, die das Regelwerk zum prozessrechtlichen Teil unseres Falles herausgab.

Nach unserer Rückkehr aus Paris sollten wir ein letztes Mal unsere „Moot-Koffer“ packen. Die entscheidende Woche in Wien – das Ziel, auf das wir uns so lange vorbereitet hatten – stand vor der Tür. In Wien hatten wir drei gemütliche Apartments gemietet. Dort verbrachten wir viel Zeit miteinander; wir kochten gemeinsam und schauten in entspannten Runden zurück auf die Erfahrungen der letzten Monate. Vor allem nutzten wir aber die Räumlichkeiten für individuelle Trainingseinheiten mit unseren Coaches und um unseren Pleadings den letzten Feinschliff zu verpassen. Der Standort unseres Apartments erlaubte es uns außerdem, nicht nur die Schauplätze der Pleadings in der Innenstadt, sondern auch den Ostklub bequem zu erreichen. Der Ostklub ist schon traditionell der Dreh- und Angelpunkt, um sich nach anstrengenden Verhandlungstagen gemeinsam mit neuen und interessanten Bekanntschaften aus anderen Teams zu erholen.

Nun aber in medias res: Schon in der Vorrunde trafen wir auf Muttersprachler; das Team der Arizona Summit Law School erwartete uns. Außerdem trafen wir auf das Team der Fatih University aus Istanbul sowie auf die Vertreter der Pontifical Catholic University aus Porto Alegre und der Murdoch University aus Perth. Dabei vertraten wir je zweimal Kläger und Beklagten. Überglücklich, und hochmotiviert waren wir, als wir schließlich in der Wiener Messehalle als eines der besten 64 Teams verkündet wurden. Damit hatten wir uns für die sogenannten elimination rounds, die KO-Phase, qualifiziert.

In der Round of 64 sollten wir es mit der Universität Zürich aufnehmen. Von der Messehalle machten wir uns direkt auf den Weg zu unserer Verhandlung, die nur etwa eine Stunde nach der Verkündung stattfand. Auch wenn wir enttäuscht waren, als wir im Dachgeschoss des Juridicums, wo die Finalrunden alle stattfanden, erfuhren, dass wir nach längerer Beratung knapp ausgeschieden waren, sei hier eines gesagt: Die elimination rounds sind eine ganz besondere Erfahrung. Mit renommierten Anwälten, gestandenen Schiedsrichtern und interessierten Professoren diskutiert man auf sehr hohem Niveau über die rechtlichen und faktischen Probleme des Falls, und die Spannung ist extrem hoch.

Nachdem wir Zeugen des Finalsieges des Teams aus Ottawa gegen die Singapore Management University wurden, versammelten sich alle Teams beim abschließenden Awards Banquet. An unserem Tisch brach zum letzten Mal großer Jubel aus, als wir erfuhren, dass sowohl unser Klägerschriftsatz als auch unser Beklagtenschriftsatz mit einer Honourable Mention prämiert wurde. Nach zahlreichen Abschieden und den vielen guten Neuigkeiten im Gepäck kehrten wir glücklich nach Heidelberg zurück. Was bleibt nun also nach diesem halben Jahr? Wir haben rechtlich viel dazugelernt, praxisnah in einer Weise gearbeitet, wie es das Studium sonst nur selten erlaubt und überdies eine Vielzahl neuer Menschen und Freunde kennengelernt. Wir können wirklich jedem eine Teilnahme am Moot ans Herz legen. Eine bessere Erfahrung kann man im Studium kaum machen.



Und so können wir den Worten des Moot Gründers Eric Bergsten nur zustimmen: “The Moot is not a competition. It’s a learning experience”.

Team 22nd Willem C. Vis Moot


Bildergalerie


Bilder des Vis Moots sind auf der Facebookseite des Heidelberger Teams zu finden.

Seitenbearbeiter: Moot-Team
Letzte Änderung: 15.06.2015
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